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Sommerreise, Teil 1: Es geht um die Wurst

Keine Schären diesen Sommer: In zwei Wochen von Arnis nach Thurø ist die einzige Vorgabe. Das ginge notfalls an einem Tag, aber natürlich habe ich ein bisschen mehr vor: Viel zu segeln, ohne uns mit endlos langen Schlägen zu überfordern, und dabei nur die schönsten und allerschönsten Häfen abklappern. Wo ginge das besser als im Lille Belt und weiter nach Samsø? Dort werden wir sehen, wie wir uns am geschicktesten nach Svendborg hangeln. Doch wieder einmal gestaltet das Wetter den Absprung aus der Schlei ein wenig mühsam. Ich ahne nicht, dass ich später von unserer bisher gelungensten Reise sprechen werde!

Juni 2024

Bevor wir ablegen, geht es um die Wurst: Karsten hat seinen mit Vorfreude angelegten Vorrat im heimischen Kühlschrank vergessen. Ich fahre sowieso noch Proviant einkaufen und bringe ihm gerne etwas mit - ein Sortiment großer und kleiner Salami gehört auch zu Paulas Standardrepertoire für den Fall, das zwischendurch der Magen knurrt. Die Sommerreise 2024 beginnt am Freitag um 19 Uhr. Hä? Warum denn am Freitag? Die haben doch erst ab Samstag 9 Uhr gechartert!?! Ja, aber Boote und neue Gäste sind angenehm früh vor Ort. Ein kurzer, ruhiger Dämmertörn nach Maasholm ist allemal ein besserer Auftakt als Bleiben: Samstag Dauerregen und Starkwindböen, abends Hafenfest in Arnis und Sonntag dann erst noch die Klappbrücke vor der Nase. Wir wählen lieber den Dämmertörn, verzichten aufs Fest und können mit den ersten vier Meilen von der Uhr am Sonntag beliebig früh starten. 

Kurz nachdem wir in der Modersitzki-Werft entspannt angelegt haben, wird draußen vor Schleimünde „The Run“ gestartet. Die jährliche Nachtregatta ist der Auftakt der Classic Week, die diesmal in Aabenraa startet. Martha nimmt daran teil, nicht an unserer Sommerreise. Auch nicht an „The Run“, Gerhard ist letzten Sonntag aufgebrochen, um bei widrigem Wetter rechtzeitig vor Ort zu sein, um sich mit 200 anderen Booten und ihren Crews zu tummeln und die Holzboot-Community kennenzulernen. Ein anderes Sportereignis ist besser hörbar in Form von entferntem Torjubel – die Fußball-EM beginnt, und auch sie wird uns allenfalls am Rande tangieren.

Die Gruppe ist erneut eine, auf die ich mich gefreut habe: Ernst ist unser treuester Stammgast, diesmal begleitet von Frieda und seinen Geschwistern: Inge darf weiterhin als segelunerfahren gelten, aber ihre Begeisterung ist mitreißend, und ihr Bruder der perfekte Erklärbär. Nach der ersten der beiden Wochen wird sie abgelöst von Bruder Eckehard, der letztes Jahr den Auftakt machte auf dem Weg nach Blekinge. Oliese ist mit Karsten und Angie unterwegs, ebenfalls bewährte Stammgäste, denen ich letzten Herbst das Boot überlassen habe, ohne auch nur in der Nähe zu sein zur Übergabe. Thomas war vom ersten Flottillentörn dieses Jahres so begeistert, dass er nach ein paar Tagen anrief und nach mehr verlangte – und wegen einer Stornierung aus beruflichen Gründen war Salty gerade wieder freigeworden.

Die Kuchenbuden sind aufgebaut, die Reißverschlüsse zu – der große Regen nebst Gepuste kann kommen. Als es Samstagabend aufklart, machen wir Briefing: Es geht in die grüne Idylle des Haderslev Fjords. Vierundvierzig Seemeilen bei Gewitterwarnung für den späten Nachmittag – wir müssen uns absichern: Durch frühes Auslaufen. Und durch die Möglichkeit, den Segeltag zu kürzen, wenn wir nicht gut genug vorankommen oder das Wetter sich verschlechtert. Fyns Hav liegt auf halber Strecke und bietet diese Möglichkeit.

Sonntagmorgen kurz vor sechs geht die Sommerreise so richtig los. Ablegen mit Motorunterstützung? Vor Topp und Takel aus dem Hafen zu treiben, finden alle viel einfacher. Die angepeilten fünf Knoten können wir zunächst gerade so halten, doch ich bin nicht glücklich. Paula rollt in der Dünung, und im Schapp klötert etwas gewaltig: „Klick“ – „Bamm“ – „Klick“ – „Bamm“. Beim zweiten Nachsehen finde ich die Ursache: Die Bratölflasche ist umgefallen und rollt zwischen den Töpfen. Wenn verfügbar, bevorzuge ich Bratöl immer in eckigen Flaschen – endlich kenne ich den Grund dafür. An der Ostseite von Als schwächelt der Wind erheblich, aber plädiert für Anlegen in Fyns Hav, alle möchten weitersegeln. Für diese Entscheidung werden wir reich belohnt mit einer Spur mehr Wind, satter mitlaufender Strömung und einer Prise Surfen. Über das offene Wasser nach Aarøsund sausen wir mit um die sechs Knoten. Der Himmel klart auf, als wir in den Haderslev Fjord rauschen. Da ist ja schon unser Ziel: Stagodde, einer dieser gemütlichen, liebevollen dänischen Vereinsstege mitten in der Natur.

Paula fährt einen butterweichen Aufschießer in die Abdeckung, an dem es wirklich ganz und gar nichts auszusetzen gibt. Oli und Frieda segeln gleich durch bis zum Steg – darüber habe ich ein bisschen Redebedarf, das kann nämlich im großen Stil schiefgehen, wenn das Boot zunächst verhungert und das Groß anschließend wieder Druck bekommt. Und es erzeugt unnötige Hektik, wenn der Rudergänger im Vorbeifahren die Achterleine schaffen muss. Ansonsten bin ich ausgesprochen glücklich: Auch Salty legt unter Groß an, keiner hat heute den Außenborder gebraucht. Das schöne Ritual des Anlegebiers, diesmal von Inge serviert, ist bereits fest etabliert. Es kann eigentlich nur eine grandiose Sommerreise werden. Hilfreich wäre eine etwas stabilere Witterung – und die zeichnet sich tatsächlich ab.

Noch nicht jedoch am Montag. Da sitzt uns eine Gewitterwarnung ab mittags ein bisschen im Nacken. Wir laufen also erneut früh aus. Um ein bisschen Zeit zu sparen, drehe ich Paula in der Box, während die Anderen an die Pfählen Segel setzen. Als sie weg sind, erledige ich das in der Abdeckung schnell vorm Wind. Paula segelt elegant aus der Box, ohne mit einem der Pfähle zu kollidieren, und ich bin rechtzeitig im Cockpit, um die Großschot einzufangen, bevor sie hängenbleibt. Mit lustigen viereinhalb Knoten segeln wir aus dem Fjord. Als wir uns nördlich von Aarø ins Fahrwasser einfädeln und auf Nordkurs abfallen, wird es ruhig, beschaulich und etwas langweilig – mit mal drei, mal vier und manchmal nur zweieinhalb Knoten geht es platt vorm Laken schnurgeradeaus den Charterbooten hinterher. Ich vertreibe mir die Zeit mit Törnplanung und Aufräumen.

Als wir Snævringen erreichen, kommt Leben in den Segeltag: Paula ist von einer quirligen Schweinswalschule umgeben. Im Regenradar ist der Aufzug von Schauern und Gewittern schon sichtbar, wir haben es also ein bisschen eilig. Um gegen die Strömung zügig voranzukommen, muss man sich gut überlegen, wo man langsegelt. Dicht am Ufer von Fæno ist die Strömung schwächer als mitten im Fahrwasser, aber ich muss ständig auf die Wassertiefe achten. Vor der Kongebro scheinen die Charterboote in der Strömung fast stehenzubleiben. Paula versucht es dicht am Ufer, wo wir zwar sporadisch keinen Wind, dann aber kräftige Drücker haben – sowie anderthalb Knoten Neerstrom. Die Stromkante ist gut erkennbar dicht an Backbord. Zuerst holen wir deutlich auf, dann endet unser schöner Neerstrom, und ich erkenne zu spät, dass die Strömung insgesamt kentert. Bei Stauwasser muss man dann doch eher dort segeln, wo der meiste Wind ist. Martha, Oli und Frieda warten auf uns. Ich habe vor dem Einfluss der Strömung beim Anlegen gewarnt und probeweises Annähern empfohlen. Jetzt traut sich keiner. Von weiter draußen sehe ich dunkle Bewölkung – wir haben vielleicht zwanzig Minuten, bis das Gewitter bei uns ist.

Paula segelt problemlos in den Hafen. Sofort rufe ich die Anderen herbei, damit wir alle trocken in die Box kommen. Das klappt auch irgendwie - Paulas Kuchenbude steht schon, als Frieda das Großsegel birgt. Das Anlegebier verschieben wir auf nach dem Schauer, doch während es über Jütland donnert und prasselt wie der Teufel, scheint bei uns nach zwanzig Regentropfen wieder die Sonne. Ich halte den Kongebro Havn für den schönsten Hafen Middelfarts, und er kommt auch bei den Gästen gut an. Wetter wieder gut, Stimmung prächtig, wir gehen einkaufen: Eine Viertelstunde durch den Wald und eine weitere Viertelstunde durch die sehenswerte Stadt in markanter Lage am Wasser. Es ist schlicht schön hier. Abends sitzen wir lange zusammen und bestaunen, was sich uns bei kaum Wind und reichlich Strömung darbietet: Gegen den Strom wird rückwärts gesegelt. Mit dem Strom sausen Boote und Traditionssegler wie Dartpfeile durchs Bild. Ständig schnappt ein Schweinswal nach Luft.

Nur Karsten ist unglücklich: Was ich ihm an Snacks mitgebracht habe, ist inzwischen verspeist. Der wunderbare Wurstladen mit seinem verlockenden Schaufenster hat ausgerechnet heute Ruhetag und macht am Dienstag erst um neun Uhr dreißig wieder auf. Da wollen wir aber schon auf dem Lille Belt zumindest in der Strömung treiben, wenn nicht sogar segeln. Denn nun beginnt der spannende Teil – auf Hjarnø war ich selbst noch nie. Wahrscheinlich ist die kleine, flache, dem Horsens Fjord vorgelagerte Insel nichts Besonderes. Aber einen neuen Hafen zu ticken, ist ja immer schonmal gut, und eine kleine Insel, wo niemand hinsegelt, bevorzugen wir alle gegenüber den ausgetretenen Touristenpfaden. Es kann also nur gut werden. Wenn wir überhaupt ankommen. Endlich mal keine Gewitterwarnung, aber es könnte zwischendurch mangels Windes ein bisschen zäh werden.

West 3-4 und mitlaufende Strömung – durch Snaevringen fliegen wir mit sieben Knoten eher, als dass wir segeln. Als der Trichter sich öffnet und der Einfluss der Strömung schwächer wird, halten wir lange noch die fünf Knoten. Das Wolkenbild ist eindeutig: Je dichter am Land, desto mehr Wind – Paula luvt ein bisschen an und holt den Rückstand auf Oli und Frieda beinahe auf. Kurz vor Juelsminde erreichen die beiden vor uns ein Windfeld – schon sind sie wieder weg. Es ist ein kurzweiliger, angenehmer, sonnig-warmer Segeltag, wie er schöner nicht sein könnte. Erst recht nicht, als Paula auf dem nächsten Teilstück nochmal den gleichen Trick anwendet und am letzten Wegpunkt dicht hinter den Anderen auftaucht. Sie macht das oft so: Hält sich nach dem Auslaufen erstmal zurück, lässt den Abstand zu den Schwestern eher größer werden, aber kurz vorm Zielhafen sind wir plötzlich wieder da.

Jetzt wird es sportlich: Vier Böen fünf war so nicht angekündigt. Und so schön es ja ist, Hjarnø früh zu erreichen, bin ich mir überhaupt nicht sicher, ob es bei diesen Bedingungen ratsam oder möglich sein wird, dort einzulaufen. Das Becken ist klein - womöglich ist gar kein Platz einen Aufschießer, oder um das Boot in den Wind zu drehen. Das Hafenhandbuch warnt vor kräftiger Querströmung vor der Einfahrt. Einlaufen vor Topp und Takel will gut überlegt sein. Außerdem ist es auch noch voll von einheimischen Booten. Im Vorbeirauschen erkenne ich einen einzigen freien Längsseitsplatz an der Innenseite der Außenmole, der nach Augenmaß gerade so groß genug sein dürfte für Paula. Die anderen können dann ins Päckchen. Die Strömung ist spürbar, aber moderat. Der Wind lässt eine Spur nach - wenn wir nicht gerade eine Bö erwischen, wird es gut gehen. Ich berge das Groß. Paula nimmt Kurs auf den Fähranleger, von wo wir uns von Wind und Strömung reinspülen lassen wollen. Fock runter, volle Konzentration. Zweimal Vollruder in beide Richtungen befreit uns von einem halben der drei Knoten. Ich bin ein bisschen angespannt, Paula bleibt absolut cool.

Wir sind im Becken. Ich drehe Paula mit Vollruder in den Wind. Mit eineinhalb Knoten treibt sie auf den freien Liegeplatz zu. Die Poller stehen in günstiger Arbeitshöhe, da werde ich die Restfahrt aufstoppen können. Brauche ich gar nicht – Paula kann butterweiche Aufschießer auch ohne Segel. Ich muss nichts abhalten, lege einfach nur die Vorleine auf den Poller, fertig. Die Charterboote folgen unserem Beispiel und meinen Hinweisen per Funk. Zuerst Oli. Klappt perfekt. Dann Frieda. Der Platz zum Drehen und Fahrt Abbauen ist natürlich um zwei Bootsbreiten kleiner geworden. Beide Segel sind unten, Frieda steht fast, Ernst wriggt, um nicht in der Strömung zu vertreiben. Ich gucke mir das vom Molenkopf an. Es kommt eine Bö, Frieda wird wieder richtig schnell.

Ich könnte sie, kommt mir spontan in den Sinn, von hier aus an einer Achterleine abbremsen. Soll ich das Ernst und Inge zubrüllen? Oder lenkt das ab und stiftet Verwirrung? Ich sehe, wie Ernst die StB-Achterleine klariert – wir haben beide im gleichen Moment dieselbe Idee. Die Leine fliegt, ich fasse zu, Frieda bleibt fast stehen und treibt mit dem Mychen Restfahrt an Olis Seite. Mit Salty machen wir es genauso. Bei reichlich Wind so hier rein ist ein bisschen wie Bungeejumping, nur nicht so individualistisch, denn wir helfen uns ja gegenseitig.

Hat sich der Aufwand denn gelohnt? Oh ja, das hat er: Wir liegen in einem gemütlichen Hafen, die Umgebung ist malerisch, die Insel nicht spektakulär, aber in den lieblichen Details wirklich sehenswert. Unter Anderem steht auf Hjarnø Dänemarks zweitkleinste Kirche, es gibt ein Café und einen Kro/Burgerbude, wo die locals sich zuprosten. Es gibt auch Fundstellen aus der Steinzeit und Grabstellen der Vikinger, aber um die auf die Schnelle zu erkunden, ist die Insel tatsächlich eine Nummer zu groß. Es gibt aber auch Details wie die zwei Schweine irgendeiner seltenen Rasse, die sich vor ihrem „Hotel“ langweilen und gerne in die Kamera grunzen. Die Fähre rüber nach Snaptun verkehrt laut Wikipedia fünfundzwanzig Mal am Tag, es fühlt sich eher so an wie alle drei Minuten. Der Fährmann ist zunächst ein bisschen unglücklich mit uns, weil die Warteschleifen des einen oder anderen Boots ohne klaren Kurs durch seine Fährstrecke geführt haben. Als ich mit ihm rede, werden wir gleich Freunde – er hat „vor hundert Jahren“ auf einem Folkeboot Segeln gelernt. Fazit: Der Abstecher ist ein voller Erfolg, auch wenn Karsten weiterhin mit köttbuller statt Würsten Ruder gehen muss. Wobei der ja behauptet, er habe abends nur noch ein Schwein gesehen, und welche Wurst wohl aus dem zweiten geworden sei…

Mittwochmorgen: Fünf Windstärken stehen auf der Hafeneinfahrt. Lange habe ich sie vor mir hergeschoben und nur gedacht, es werde schon klappen – jetzt steht sie im Raum, die Frage, wie wir hier rauskommen. Die Ausfahrt ist ganz in Luv, das Becken eng, und vor uns liegt eine einheimische Yacht im Weg. Sollen wir mit dem „Hanö-Manöver“ rauskreuzen? Ernst, Angie und Karsten waren letztes Jahr dabei - es wäre ziemlich exakt das Hanö-Manöver, aber mit zwei entscheidenden Unterschieden: Auf Hanö ist das Hafenbecken viel größer – es wäre möglich gewesen, abzudrehen, einen Kringel zu segeln und einen neuen Anlauf zu nehmen. Auf Hjarnø? Keine Chance, es muss auf Anhieb klappen oder geht im großen Stil schief. Draußen jedoch ist hier kein Meter Seegang, sondern überhaupt keiner, und auch keine Legerwallsituation am Strand, sondern man könnte, wenn man erstmal die Einfahrt passiert hat, gefahrlos einfach lostreiben und bei Gelegenheit das eine oder andere Segel setzen. Also rausmotoren? Keine Chance! Nicht, weil es unmöglich, riskant oder sonstwie unpraktikabel wäre – die Gäste möchten das nicht. Sie möchten eine seglerische Lösung für ein seglerisches Problem, notfalls eine unorthodoxe.

Ich fühle mich auf angenehmste Weise umgeben von Menschen, die sich meine Art des Segelns längst zu eigen gemacht haben. Und auf dem Rückweg vom Klo kommt mir die Idee zu einem Leckerbissen für Freunde kreativer, kontrollierter, gemeinschaftlicher Hafenmanöver: Wir ziehen das ganze Päckchen an die Kranpier. Wie? Ich werfe von dort eine lange Leine zu unserem Molenkopf. Jemand muss mal kurz das Nachbarboot betreten, um die Leine außen herum zu führen, dann knüppert Ernst sie an Olis Bugklampe an. Holt sie stramm durch, bis Paulas Vorleine Lose bekommt.

Ich werfe alles los, was das Päckchen noch mit dem Land verbindet und springe auf. Ernst und Karsten ziehen an der langen Vorleine, die Boote nehmen Fahrt auf. Allerdings eher auf Halbwindkurs - vier Langkieler im Päckchen verhalten sich deutlich anders als ein einzelnes Boot. Wer nicht an Leinen zerrt, steht irgendwo bereit zum Abhalten, weswegen niemand eine Hand freihat für Fotos und Videos. Saltys Bug erreicht die Kranpier. Als jedes Boot eine eigene Vorleine hat, an der es geduldig auswehen kann, lösen wir das Päckchen auf. Paula liegt jetzt der Ausfahrt am nächsten, also bin ich heute der erste, der das Groß setzt, die Vorleine löst, abstößt – und weil die Pinne schon liegt und die Großschot schon dicht ist, segelt Paulchen souverän aus dem Hafen. Ich bleibe gleich am Mast und setze die Fock.

Der anschließende Segeltag ist großartig. Der Wind übersteigt nie die Prognose von maximal fünfer Böen, schwächelt manchmal gar, aber niemals nachhaltig. Die achtzehn Meilen nach Tunø schaffen wir in drei Stunden vierzig Minuten, das ist schon wieder ziemlich genau im Fahrplan. Paula kreuzt in die Abdeckung des Hafens, der um diese Uhr- und Jahreszeit reichlich Platz bietet. Wieder erreichen wir butterweich einen Pfahl. In die Doppelbox passen nachher dreieinhalb Folkeboote locker rein. Es zeigt sich dann aber, dass zum gelungenen Anlegen unter Segeln mehr gehört als der Wunsch, auf den Außenborder zu verzichten: Unter anderem reichlich Erfahrung. Die Gäste fangen gerade erst an, sie zu sammeln – und heute ist eine neue Situation.

In Stagodde mussten wir einfach vom Fahrwasser auf den Steg zu fahren und rechtzeitig die Großschot öffnen. In Middelfart war so wenig Wind, dass man die letzten Meter wriggen konnte. Auf Hjarnø dann der Rückenwind. Hier muss man durch eine auch nicht sehr breite Einfahrt kreuzen – und die Gäste sind darauf nicht eingestellt. Sie nehmen sich auch die Chance, sich per Funk über die Gegebenheiten zu informieren: Als ich noch mit Anlegen beschäftigt bin, kommt Frieda schon hinterher. Für sie ist das Einlaufen ein Anlieger, offenbar kam sie mit mehr Schwung als Paula. Oli und Salty versuchen dicht nacheinander ebenfalls, die Wende in der Einfahrt zu vermeiden. Im Wind stehend treiben sie mit der nächsten Bö längsseits ans Gebälk. Aber das macht nichts, wieder war es ein grandioser Tag. Ich beginne allmählich, diese als unsere bisher gelungenste Sommerreise zu begreifen.

Wer auf sommerliche Hitze und Badewetter gehofft hatte, wird dem nur bedingt zustimmen – abends ist es wieder einmal recht kühl. Ich baue unter wolkenlosem Himmel die Kuchenbude auf, um den Wind auszusperren – jetzt finde ich es angenehm. Ernst geht einen Schritt weiter und kramt den Heizlüfter hervor. Ich bin aber froh, dass mir nicht schon vom Nichtstun der Schweiß ausbricht, und beim Segeln habe ich schon in jedem Kalendermonat Wollpullover und Strickmütze getragen, diesmal bleiben sie bisher unter Deck. Wir hatten aber auch hauptsächlich Rückenwind. Dank der Witterung sind die Häfen recht leer, das ist auf jeden Fall ein Vorteil. Und das Vorhaben, uns nur schöne Orte aussuchen, klappt bisher. Tunø zum Beispiel ist eine hübsche Insel, im Sommer voll, jetzt erträglich leer, und es gibt einen Kaufmann. Im Hafen steht anstelle eines Spielplatzes ein Balancier-Parcours mit teilweise festen, teilweise schwingenden Stämmen, auf denen man sich halten muss. Eine ausgezeichnete Idee: Balancegefühl ist unglaublich wichtig für sicheres Bewegen an Bord. Ich mache gleich mal den Test – und kann es noch.

Donnerstagmittag werden wir auf eine weitere Tugend hin getestet: Heute steht die obligatorische Geduldsprobe auf dem Programm. Aus anfänglich vier Knoten werden zwei, dann einer, schließlich ein halber. Eine fiese Strömung versetzt uns um vierzig, fünfzig Grad Richtung Samsø – wir müssen aufpassen, nicht auf Legerwall zu geraten. Die Segel schlabbern träge in der Dünung, der Verklicker huscht in einem Hunderachtziggradsektor hin und her. Weil der Wind voraus immer schwächer wird, holen die letzten die zuerst abgelegten Boote ein, wir treiben im Pulk. Es ist T-Shirt-und-barfuß-Wetter.

Paula findet, dass das ein achterlicher Wind ist. An kaum etwas ist das festzumachen, außer der Prognose von Südwest 2-3, aber sie hat Recht, im Schnitt zeigt der Verklicker eher schräg nach hinten. Ich baume die Fock aus. Sofort haben nicht nur wir wieder zwei Knoten, sondern auch die anderen drei Boote, obwohl die noch gar nicht ausgebaumt haben. Aus den zwei Knoten werden drei, dann vier, dann dreieinhalb, und die genügen, um zur roten Tonne an der Nordspitze Samsøs zu kommen. Weg mit dem Ausbaumer, wir luven an – und haben auf einmal Südwest 4-5. Höhe laufen ist gefragt. Die rote Tonne an der ersten Untiefe des Stavns Fjord ist noch gar nicht in Sicht, doch ich bin sicher, sie gerade so eben anlegen zu können. Barfuß ist mir zu kalt. Beim Schuheanziehen läuft Paula für zwanzig Sekunden nach Lee aus dem Kurs. Die Tonne verpassen wir um die dabei verschenkten fünfzig Meter. Ein kurzer Holeschlag also, dann sausen wir weiter in den Stavns Fjord.



Der Hafen ist wie erwartet recht leer. An der Innenseite der Ostmole liegt noch überhaupt niemand. Klug wäre, ganz nach Luv durchzusegeln zur Südmole und von dort zu einem schönen Liegeplatz zu verholen. Es ist aber zu verlockend, entlang der langen Pfahlreihe einen Aufschießer zu fahren und Paula da, wo sie stehenbleibt provisorisch anzubinden. Erst jetzt realisiere ich, dass der Wind genau entlang der Pfähle weht. Von Hand durch Abstoßen von Pfahl zu Pfahl kommen wir nicht nach Luv – ohne Ruderwirkung würden wir zwangsläufig von den Pfählen weggepustet. Hm. Das Groß ist ja noch oben. Ich nehme die Schot dicht, löse die Vorleine, stoße den Bug ab, und wir kreuzen ein Stück weiter in die Ecke, in die ich möchte. So richtig zu Ende gedacht habe ich es aber nicht. Letztlich liegen wir am falschen Pfahl. Ich stoße zu zaghaft ab, um den richtigen zu fassen zu kriegen. Schnell die Achterleine drauf scheitert daran, dass sie am Heck bereitliegt und ich auf dem Vorschiff stehe. Paula treibt zur Seite, erreicht den Steg, aber ohne Achterleinen. Das ist kein Problem, es dauert nur ein bisschen: Ich ziehe sie am Steg entlang ein Stück gegen den Wind, wo wir drei kürzere Pfähle haben, an denen wir uns nochmal raushangeln können für die Achterleinen. Der äußerste, wo ich eigentlich die Luvleine drauflegen will, wackelt bedenklich – bei vier Windstärken von der Seite bezweifle ich, dass er die ganze Nacht durchhält. Also einen weiter, Achterleinen auf solide Pfähle, dann hangeln wir uns zurück.

So schön es ist, dass kein Boot zurückfällt, sondern wir jeden Tag gleichzeitig ans Ziel kommen, und dass die Gäste so angenehm selbstbewusst agieren – es führt erneut dazu, dass sie zu früh, zu dicht nacheinander und ohne Funkberatung einlaufen. Sie imitieren meinen Fehler, halten an Pfählen weiter in Lee provisorisch an. Frieda kommt sogar mit zu viel Schwung, um sich hinten einzureihen, sondern segelt noch um Oli herum. Nun beginnt ein kräftezehrendes Manöver von Pfahl zu Pfahl: Thomas belegt das Ruder hart backbord, stößt Salty ab, läuft am Pfahl mit, gibt weiter Schub und drückt das Heck nochmal weg, den Bug also ran an den nächsten Pfahl, wo er schnell hinlaufen muss, um das Boot dort wieder zu sichern. So geht das sechs oder acht Mal, Thomas kommt ins Schwitzen, aber er besteht die Prüfung mit Auszeichnung. Frieda, Ernst und Inge haben den Vorteil der zusätzlichen Person: Ernst beschleunigt, Inge drückt das Heck weg, das geht mit weniger Lauferei als bei Thomas und Salty, und ist letztlich erfolgreich. Angie und Karsten finden nicht den gleichen guten Rhythmus wie die Geschwister. Als Olis Bug zum dritten Mal von den Pfählen weggeweht ist und sie mit dem Heck im Wind zu liegen kommen, schlage ich vor, dass sie einfach zum Steg fahren und Ernst und ich Oli dann zu den Anderen ziehen. So hätten wir das mit allen machen können, aber ich kam bisher nicht zu Wort.

Endlich können wir Anlegebier trinken und die wunderschöne Landschaft bestaunen. Fast alle können wir das. Als wir anschließend ins Restaurant gehen und uns die Bäuche mit Makrele oder Lachs vollstopfen, kommt Karsten nicht mit. Er habe über Tag sieben Würste gegessen und sei satt, heißt es. Auf der Speisekarte steht sogar eine einzelne Wurst mit Salat – aber selbst das kann ihn nicht locken. Ich vermute eher, dass ihm das aus seiner Sicht misslungene Anlegen den Appetit verdorben hat. Nun, er darf auch mal seine Ruhe haben wollen oder einfach müde sein, wir respektieren das. Thomas und Ernst haben sich noch nicht genug verausgabt. Nach dem Essen leihen sie sich zwei Fahrräder und erkunden eine gute Stunde lang die schöne Landschaft.

Karsten müsste sich gar nicht grämen. Im direkten Vergleich muss man Inge und Ernst loben, aber dann legen ja auch noch fremde Boote an, manche souverän und vorbildlich, andere nicht ganz so: Da wird zunächst zielstrebig eine erkennbar zu schmale Box angesteuert. Der nächste Versuch scheitert an der Wassertiefe. Im dritten Anlauf motoren sie in die Ecke mit dem wackligen Pfahl, den ich vorher zwar nicht für standfest genug hielt für unsere wichtigste Leine, der aber wichtige Dienste leistete beim Verhangeln. Dieses Manöver geht nun nicht mehr: Die Yacht räumt den Pfahl mit dem in Davits am Heck hängenden Schlauchboot ab, er kippt einfach um. Der trockene obere Teil erzeugt noch einen gewissen Auftrieb, die Spitze ragt aus dem Wasser. Das gibt mir die Gelegenheit, mich bei dem Ding für seine letzte Hilfestellung zu bedanken.

Während wir am Donnerstagmorgen geruhsam auf Wind warten, bergen Thomas und ich das gute Stück. Mit Paulas Enterhaken lässt er sich mühelos ans Heck ranziehen und zum Steg führen, wo Thomas schon eine Leine bereithält, mit der wir ihn auf den Steg zerren. Karsten und Ernst sprinten gerade rechtzeitig dazu – natürlich wird es immer schwerer, je weiter wir den Pfahl aus dem Wasser hieven. Der wassergesättigte Teil hat ein Mordsgewicht, und der trockene Teil liefert jetzt keinen Auftrieb mehr. Wir packen den Brocken in eine Ecke am Steg und stellen beruhigt fest, dass er genau am Grund abgebrochen ist. Da ragt also kein Stummel ins Hafenbecken, sondern es fehlt einfach nur ein recht sinnloser Pfahl. Ich biete ihn dem „Verursacher“ als Andenken an – er hat nicht einmal gemerkt, dass er ihn umgelegt hat, aber das ist auch nicht erstaunlich: Er war mit Anlegen beschäftigt und der Kontakt nur sanft. Eindeutig waren Bohrwurm und Bohrmuschel am Werk.

Dann ist erstmal Briefing. Wo geht es hin? Ebeltoft war mal eine Idee, auch Sejerø beziehungsweise Nekselø nebenan, aber in Anbetracht der Wetterentwicklung verwerfe ich das alles. Heute nach schwachbrüstigem Beginn ein schöner Nordost, Samstag voraussichtlich Hafentag, Sonntag und Montag irgendwas Westliches und danach für den Rest der Woche Südost – wir können uns noch im Smålands Fahrwasser austoben, aber nur, wenn wir rechtzeitig da sind. Ab heute geht es also nach Süden. Die Strecke nach Korshavn briefen wir nicht nur auf dem Wasserweg. Auch der Landweg ist diesmal wichtig, denn auf Frieda steht der Crewwechsel an: Ernst bleibt, Inge steigt ab, Bruder Eckehard löst sie ab. Er reist mit dem Auto an und muss wissen, wo er uns findet. Karsten ist vorfreudig – die Kühlbox im Auto enthält seine Wochenration Frankfurter.

Wir legen gesittet ab (unkonventionell wie immer, wir segeln zwischen Steg und Heckpfählen durch), kreuzen aus dem Stavns Fjord mit all seinen Untiefen, wählend die Abkürzung auf zwei Metern Tiefe zwischen Untiefen hindurch (Karstens Idee, sie spart uns bei der schwachen Brise gegenan womöglich eine halbe Stunde) und gehen auf Südkurs. Es beginnt langsam, wird schneller und noch schneller und schließlich richtig schnell. Dann sind wir da: Korshavn, der Naturhafen an der Nordostspitze von Fyn, immer einen Besuch wert. Zeitgleich mit uns trifft Eckehard ein, aber wir müssen erstmal anlegen. Die Liegeplätze, von denen wir bei Westwind am besten wegkommen, sind heute nur vor Topp und Takel zu erreichen. Je nach dem, wie früh man die Fock birgt, laufen wir mit zwei bis zweieinhalb Knoten an die Pfahlreihe. Das kann man nicht auf Anhieb aufstoppen, sondern sich mehrere Pfähle hintereinander schnappen. Zwei Hecks ragen raus und müssen umschippert werden.

Paulas Anleger ist wieder sauber, kontrolliert und überaus gelungen – aber kriegen die Gäste das hin? Thomas ist einhand, Ernst und Karsten müssen am Ruder bleiben, Inge und Angela haben nicht geübt, kräftig zuzufassen und rechtzeitig wieder loszulassen, sondern sie brauchen klare Anweisungen, und die kann man hier nicht wirklich geben. Und wie soll ich das alles erklären, wo der Liegeplatz ist und wo die Hecks rausragen, wenn die das noch gar nicht erkennen und optisch nachvollziehen können? Der Weg zum Liegeplatz führt am Stegkopf vorbei. Ich könnte mir wieder Achterleinen geben lassen und daran bremsen, aber heute mache ich etwas anderes: Ich steige bei jedem Boot auf und kümmere mich um die Pfähle. Souverän legen wir ein Boot nach dem anderen an. Dann ist erstmal Umarmung mit Eckehard dran.

So, wie es hier aussieht, hat auch Korshavn in der Sturmflut stark gelitten – so weit nördlich hätte ich das gar nicht gedacht. Alles ist wieder heile, neu und schön, außer dem halben Fischersteg. Mehr Erkundung ist nicht, der Regen setzt ein. Eher zum Zeitvertreib fahre ich den Rechner hoch und werfe einen Blick aufs Wetter – ich möchte nur bestätigt wissen, was sich seit zwei Tagen angedeutet hat, nämlich den morgigen Hafentag bei Pustefix. Doch was sehe ich? Die siebener Böen fallen komplett aus. Morgens schläft die jetzige Brise erstmal komplett ein, gegen zehn entfaltet sich ein schöner Nordwest 4 mit Böen 5 strichweise 6.

Der wird uns ein schönes Stück voranbringen. Ich finde den Store Belt vergleichsweise arm an Sehenswertem. Die wenigen Häfen sind erträglich, aber nichts besonders. Das größte Highlight ist Musholm, aber das ist dann schon wieder sehr spartanisch. Agersø hingegen erfüllt alle Bedingungen: Siebenunddreißig Seemeilen sind heute überaus machbar. Die Insel ist überaus sehenswert, der Hafen hat Charme – und er bietet bei reichlich Westwind perfekte Abdeckung. Ich klopfe mit dem Bootshaken an die benachbarten Boote. Köpfe recken sich in den Regen, ich kündige an: „Wir segeln morgen, Briefing um neun.“

In Korshavn fährt man am besten mit dem Fahrrad zum Klo. Um sieben Uhr tun wir das bei Flaute und dichtem Nebel. Fyns Hoved hätte bei schönem Wetter durchaus einen Besuch gelohnt, es ist eine traumhafte Landschaft. Der Naturhafen selbst ist ringsum von einem Kiesstrand umgeben, an dem nicht gerade eine Blütenpracht gedeiht: Hier überleben nur salzvertragende Ruderal- und Pionierpflanzen. Das sorgt für eine gewisse Melancholie – und die kommt im Nebel hervorragend zur Geltung. Die Gäste sind noch ein wenig skeptisch, was der Tag bringen wird. Ich bin motiviert wie selten. Während des Briefings kommt ein Brischen auf, der Nebel lichtet sich. Kurz nach zehn legen wir ab – es beginnt ein Spektakel, über das allein sich schon ein ausführlicher Törnbericht schreiben ließe.

Voilá, gleich sind es 4-5 Windstärken. Die Richtung passt so gut, dass wir aus dem Hafen sausen und nach einer einzigen Wende zur Nordspitze segeln können. Dort fallen wir ab und fahren an Romsø vorbei einundzwanzig Meilen schnurgeradeaus. Das könnte langweilig sein. Aber nicht bei 4 Böen 6 im Store Belt: Ein bisschen Surfen, ein bisschen mitlaufende Strömung, dazu immer noch die Melancholie einer scheinbar endlosen, wolkenverhangenen, diesigen Landschaft.

Vor der Store Belt Bro passieren wir den Tiefwasserweg, dicht hinter dem einen Frachter und rechtzeitig vor dem folgenden. Ein guter Meter Welle steht hier, die beiden Halsen, die zu fahren sind, sind durchaus anspruchsvoll. Und die Boote bleiben die ganze Zeit extrem dicht zusammen. Dauernd surft eines los und schießt dreißig Meter voraus, dann surft sich das nächste wieder heran. Es ist fast ein bisschen zu eng, weil sich ein tierisches Anluven nicht in jeder höheren Welle verhindern lässt. Es ist noch keine siebzehn Uhr, als wir in Agersø in die wohltuende Abdeckung des Hafens segeln. Liegeplatz vorm Fischlokal – das Abendprogramm ist schnell beschlossen. Genauso schnell ist beschlossen: Wenn wir Sonntag segeln wollen, anstatt in der Flaute zu dümpeln, sollen wir gegen acht Uhr dreißig auslaufen.

Leider kostet das den Gästen die Inselerkundung, beschert uns aber neunzehn gemütliche Seemeilen weiter südöstlich einen ganzen Nachmittag auf Femø. So richtig kommt es wieder nicht zur Inselerkundung, und das liegt am Anlegen. Wir haben beinahe den meisten Wind des Tages, als wir platt vorm Laken in den noch komplett leeren Hafen schießen. Paula fährt zwei Wenden und einen wunderbaren Aufschießer im westlichen Becken. Hinter uns legt die Fähre an, gefolgt von Frieda. Per Funk warne ich vor dem Schraubenwasser und verspreche tolle Bedingungen fürs Anlegen.

Doch Ernst lässt das Groß zu früh bergen. Frieda steht im Wind und verhungert, es fehlt mehr als eine Bootslänge zum ersehnten Pfahl. Ernst wriggt mit aller Wucht, aber gegen vier Windstärken rührt sich wenig. Ich rate ihm, abzufallen und in die Ecke zu treiben, aus der ich Frieda an der Vorleine zu Paula führe. Inzwischen ist auch Salty im Hafen. Thomas lässt das Groß oben, öffnet aber die Schot zu früh – ihm fehlt ein halber Meter. Salty fällt ab, nimmt Fahrt auf – zum Glück bekommt Thomas einen Pfahl zu fassen, und gemeinsam können wir die zwei noch gar nicht richtig angelegten Boote stabilisieren, bis alle Segel geborgen, alle Achterleinen ausgebracht sind. Oli treibt mit offener Großschot an die Bunkerpier. Ernst treidelt sie von dort zum Liegeplatz.

Wir finden, dass das alles nicht so gut gelungen ist wie erhofft. Karsten fragt, ob wir nicht gemeinsam ein bisschen üben können. Und natürlich können wir das, Thomas macht auch mit. Wir fangen an mit meiner Demonstration „Verhangeln entlang der Pfähle“, bis wir eine Position haben, an der wir mit gesetztem Groß ablegen und abfallen können, ohne dass es kracht. Dann drehe erstmal ich eine kleine Hafenrunde und segele Oli an einen Pfahl – ich kann gar nicht genug davon kriegen, durch den Hafen zu segeln und gelegentlich irgendwo anzudocken. Aber jetzt ist Thomas dran. Und weil wir ein bisschen mittig zu liegen gekommen sind und wieder das Problem mit dem rechtzeitigen Abfallen haben, verordne ich uns Rückwärtsablegen mit backstehendem, weit rausgedrücktem Groß. Das ist ein großer Spaß – beim ersten Mal schaffen wir es rückwärts zu segeln bis zur Halse. Olis Bug zeigt zur Ausfahrt des Beckens, der Baum kommt über, sie fährt los. Wer das selbst ausprobieren will, sollte wissen: Das Heck wandert zu der Seite, zu der der Baum zeigt. Auch die Anleger machen jetzt – bei erheblich weniger Wind – einen deutlich besseren Eindruck. Karsten fährt zwei, Angie einen, zum Schluss nochmal ich. Nach dem zweiten Anlegebier robbe ich in die Koje zur Mittagsstunde.

Montag ist zu wenig Wind für einen langen Schlag. Dazu passt gut, dass ich finde, wir haben in der letzten Zeit genug Wasser bis zum Horizont gesehen. Wir wählen also ein Kontrastprogramm: Zuerst beschäftigen wir uns mit Tonnensuchen im seichten Terrain zwischen Askø und Lolland, dann segeln wir auf einem Fluss durch den Wald – unser Tagesziel ist Sakskøbing. Da war ich auch noch nie, aber es verspricht nett zu werden. Es wird sogar grandios!

Doch bevor es so weit ist, legen wir erstmal ab. Karsten schlägt vor, am Pfahl das Groß zu setzen und die Achterleine vorerst auf dem Pfahl zu belassen, um das Abfallen zu unterstützen. Nur mit der Fock funktioniert das – denn dann liegt der Segeldruckpunkt deutlich vor der Gierachse. Nur mit Groß hat Gerhard es vor zwei Jahren auf Sejerø auch schon ausprobiert, längsseits an der Pier liegend. Und was passierte? Martha dampfte in die Achterleine ein und klebte förmlich an der Pier, anstatt abzuklappen. Nur mit Groß liegt der Segeldruckpunkt nämlich weit hinter der Gierachse. Und so fürchte ich, das würde auch heute schiefgehen. Oli treibt los, Angie setzt zuerst die Fock.

Ernst und Eckehard sind inspiriert von unserem Rückwärtssegeln, möchten das auch ausprobieren – und dabei entdecken sie versehentlich ein neues Manöver: Frieda hängt mit der Vorleine am Pfahl, das Groß ist gesetzt und flattert in der Morgenbrise. Ernst drückt den Baum raus und erwartet, dass das Heck nach Steuerbord wandert. Eckehard hat aber die Vorleine noch gar nicht gelöst. Das backstehende Groß drückt das Heck nach Backbord, bis Frieda parallel zu den Pfählen liegt. Rückwärtsfahren fällt aus, Frieda kann jetzt gefahrlos anfahren und hat reichlich Platz zum Abfallen. Ich muss das unbedingt selbst mal ausprobieren.

Nach diesem Experiment gelebter Physik segeln wir schön durch den wolkigen Morgen, kommen mit um die vier Knoten gut voran, finden die Tonnen der ersten Rinne, wo die zwei Meter Solltiefe nicht überall erreicht werden. Als wir uns in den Sakskøbing Fjord einfädeln, ist die Morgenbrise vorbei, und der Wind macht Pause. Eine Stunde später segeln wir majestätisch durchs Grüne. Das Fahrwasser ist deutlich enger, als selbst das des landschaftlich vergleichbaren Haderslev Fjords. Es wird schöner und schöner, hier steht ein Schloss, dort gibt es einen verlockenden Steg, und zuletzt erreichen wir die Kleinstadt. Sakskøbing ist ein bisschen lustig mit dem chaotischen Wechsel von Neu- und Altbauten. Angie findet den SuperBrugsen „gefährlich“ – offenbar hat Karsten am Wurstregal zugeschlagen. Wir liegen ruhig am Rande der Innenstadt, die Gäste plaudern gerne mit den Flaneuren.

Wir dürfen gerne das Vereinsschiff betreten, die Toilette und den Salon benutzen, sogar den Grill. Wir machen also Briefing im maritimsten Ambiente, seit wir Briefings machen, an Bord eines alten Fahrgastschiffes. Die Hafengeldbezahlerei per App war vielleicht ein bisschen mühsam, aber Sakskøbing ist eine Wohlfühlidylle – vielleicht, weil sich völlig zu Unrecht selten jemand hierhin verirrt. Mit Westenwind rein, mit Ostenwind raus - es wird vielleicht nie wieder so ideal passen. Das enge Fahrwasser aufzukreuzen, riecht nach einer vierstelligen Anzahl von Wenden. Der versprochene Ostenwind trifft pünktlich ein.

Die Sonne knallt, es ist sommerlich warm bis heiß, Wind schwach bis mäßig und weiterhin – wie schon die ganze Reise - achterlich. Wir üben uns weiter im Tonnensuchen, dann geht es an der Nordseite Lollands entlang auf Kursen, die uns zuverlässig von Untiefen freihalten, nach Onsevig. Nur bis Kragenæs wäre heute zu kurz gewesen und morgen zu lang. Um mit der schönen Abendbrise noch einen weiterzusegeln, sind wir zu ausgelaugt von Knallsonne, Schwebfliegenschwärmen und Schwachwindgedödel. Außerdem war ich da noch nie und möchte es gerne ausprobieren. Also legen wir an.

Zuerst ist meine Euphorie gedämpft. Ich hätte es mir denken können, dass hier – in der Nähe des früher so fischreichen Langelands Belt – jenseits nenneswerter Ortschaften nur ein schraddeliger Angelboothafen sein kann. Vermutlich war es früher ein Fährhafen, jetzt ist hier viel Beton und Teer. Karsten vermutet schon, dass ich hier nie wieder hinfahren würde. Doch nein: Auf den zweiten Blick hat das alles durchaus Charme, vieles ist liebevoll hergerichtet für die Gäste mit Boot, Wohnmobil oder vor allem Kajak, wofür diverse Shelter aufgestellt sind. Die Gebäude sind einheitlich blau mit weißen Türen. Es gibt alles, was wir brauchen einschließlich eines grandiosen Blicks aufs Wasser, und vor allem haben wir total unsere Ruhe.

Das eigentliche Ziel ist aber am Folgetag das sagenumwobene Albuen. Wir segeln erstmal munter los, gehen nach Passieren diverser Wracks und Untiefen auf Südkurs – und bleiben stehen. Segeln ein Stück weiter, bleiben wieder stehen. Der Gradientwind aus Ost und die Seebrise aus West rangeln miteinander, wir sind die Leidtragenden. Eine Weile finden wir unser Wohl dichter unter Land, als wir angesichts der Untiefen eigentlich sein wollten, dann sieht das Gekräusel nach einem insgesamt stetigen Windfeld aus, doch die Illusion trügt, sondern wir treiben wir nur noch. Ich betrachte das als eine Aufgabe, die uns gestellt wird. Ernst kann es nicht genießen – in der Flaute treiben könnte er auch am Bodensee. Wir sind auf nur drei Meter Wassertiefe - ich denke darüber nach, bis zur Abendbrise zu ankern und mich in die Koje zu verkriechen in der Hoffnung, dass die Mücken mir nicht folgen.

Doch dann bringt uns ein Nordwest mit drei Knoten an die Einfahrt des Naturhafens. Jetzt wird es mal wieder spannend – Paula ist noch nie nach Albuen rein gekreuzt. Die Rinne am Anfang können wir geraaaaaaade so anlegen. Im weiteren Verlauf gibt es furchtbar wenig Wind mit kleinen Drückerchen aus allen Richtungen, dazu Steine und Untiefen – und schließlich einen letztes Jahr neugebauten Steg, der jetzt wieder hält, was er verspricht. Die Charterer treffen fünf Minuten nach uns in der Bucht ein und finden zunächst gar keinen Wind - bis der Südost einsetzt: Schoten auf und los.

Wer Albuen noch nicht kennt, hat bisher etwas verpasst - es ist ein besonderer Ort. Eine lange Sandbank umhüllt den Naturhafen und schützt ihn aus allen Richtungen (nur bei Südost, wie wir ihn nun haben, liegt man ein wenig unruhig). Früher gab es hier eine Lotsenstation und sogar eine Schule, heute eine Komposttoilette für uns Gäste. Am Nachmittag sind noch Tagesausflügler da, abends haben wir Albuen für uns allein. Ein local gesellt sich dazu: Das gelbe Haus ist sein Sommerhaus, eigentlich lebt er in Kopenhagen. Das Haus hat vorher dem letzten Fischer von Albuen gehört, der 2002 gestorben ist. Der alte Mann hatte große Angst vor Städten mit all den Leuten und Autos, die er nur vom Hörensagen kannte – bei Sturm mit einem kleinen Fischerboot auszulaufen, schreckte ihn nicht. Die Straße nach Albuen ist seit der Sturmflut letzten Herbst nicht mehr befahrbar, die Bewohner kommen per Motorboot zu ihrer Behausung. Und offenbar freut sich der Mann über seine hölzernen Gäste und ihre Crews.



Ich checke das Wetter: Donnerstag Spätnachmittag kommt schon die Kaltfront. Und zwar eine richtig ruppige mit Blitz und Donner, Hagel und Böen von neun Beaufort. Aus Ankern im Lindelse Nor wird also nichts, wir brauchen einen sicheren Hafen, den wir rechtzeitig vor dem Unwetter erreichen und von dem aus wir am Freitag kommod nach Thurø kommen, wo die Reise endet. Klar ist: Bei bis zu drei Knoten nordgehender Strömung müssen wir nördlich um Langeland rum. Mein Blick fällt auf das kleine, unscheinbare Dageløkke. Heute dreißig Seemeilen und morgen neun – das ist ideal. Von Erik weiß ich, dass er da gerne hinsegelt, dass ein Folkeboot reinkommt und dass letztes Jahr von neuen Betreibern alles neugestaltet wurde. Bisher hatte ich den Hafen als schraddelig und unattraktiv abgespeichert und bin nie hingesegelt – doch jetzt bietet es sich an, und ich bin sowieso gerade im Erkundungsmodus. Mein Gefühl sagt: Vielleicht haben wir uns das Beste zum Schluss aufbewahrt.

Vielleicht ist Auslaufen übertrieben früh, doch wir dürfen nicht riskieren, vor dem Nakskov Fjord wieder Stunden in der Flaute zu verbringen, sondern müssen die Morgenbrise nutzen. Und genau zum Sonnenaufgang abzulegen, erweist sich als großes Geschenk für alle, die ihn normalerweise verschlafen. Der Wind hat auf Ost gedreht - die Bucht wird genauso ein Anlieger wie der anschließende Weg nach Norden. Nur die enge, schmale Rinne müssen wir aufkreuzen. Vor allem Karsten ist nervös, er muss das als Erster probieren - aber alle schaffen es, kein Boot kommt fest. Es geht sogar richtig gut – vierkant gegenan in einer engen Rinne bedeutet, dass die einzelnen Schläge viel länger sind, als die winzigen Holeschläge bei einem Streckbug.

Bis Tårs kommen wir mit gut fünf Knoten voran wie erhofft (und viel schneller, als befürchtet). Die Morgenbrise hält. Kurz nach der Fährstrecke bekommen wir einen Eindruck, wie stampfig es sein könnte, wenn bei erheblicher Dünung der Wind schwächelt, doch wir landen nie unter dreieinhalb Knoten. Als wir das tiefe Wasser und somit die Hauptströmung erreichen, wird es ein großer Spaß: Bei vier Windstärken segeln wir entspannt mit 8 Knoten über Grund! Weg T überqueren wir ohne jegliche Großschifffahrt in der Nähe. Um neun Uhr sind wir an der Nordspitze von Langeland. Um halb elf erreichen wir Dageløkke – und es wird erneut spannend. Der Hafen, auf den wir zurasen, ist klein, die Einfahrt eng und mit Wind genau gegenan, der Vorhafen stellenweise seicht, und wie es drinnen aussieht, kann ich von draußen nicht erkennen. Da ist kein einziger Mast, es wird wohl nicht voll sein mit Motoryachten, also bin ich optimistisch, nehme aber früh die Fock weg und mit offenerer Großschot ein bisschen Fahrt raus. Wir brauchen allerdings genug Schwung: In der Einfahrt kann man garantiert keine Wende fahren.

Es klappt, Oli und Paula landen im Becken und legen an. Ich bin hellauf begeistert! Der Hafen ist ein echtes Kleinod vor der Haustür, inklusive gemütlicher Cocktail- und Tapas-Bar. Anlegen ist kein Problem, das Einlaufen nur bei Ostwind so spannend, wenngleich ich sofort verstehe, warum Erik das hier so gerne mag. Frieda verhungert vor der Einfahrt, Salty verpasst sie und kommt fest, aber beide lassen sich mühelos von Hand ins Becken treideln. Am späten Vormittag beginnt nach Aufklaren und Anlegebier das Relaxen: Mittagsstunde, Dusche, Strand. In Kombination mit dem großartigen Segeltag haben wir uns das Beste wahrhaftig für den Schluss aufgespart.

Dageløkke gehört seit letztem Jahr einer Familie, die hier zu viert eine Menge in Gang gesetzt hat. Restaurant, Stege, Sanitäranlagen – alles nagelneu und liebevoll arrangiert. Die Einfahrt ist auf 2,50 Meter Wassertiefe gebaggert (aber nur, wenn man sich zwischen der grünen und der roten Tonne hält, das konnten wir bei Ost nicht, sondern mussten von Nordwesten her ransegeln, und da war es kurz vor Festkommen. Es gibt aber ja auch andere Windrichtungen, und ich habe auch von Folkebootseglern gehört, die ihren Außenborder benutzen).

Und dann sind da die sieben Frösche – Kim ist trotz unternehmerischen Mutes und vieler strategisch kluger Ideen vor allem Künstler. Der Legende nach halten sie den Tag über still und denken sich ihr Teil, doch abends, wenn keine Menschen mehr herumlaufen, erwachen sie zu Leben. Im Bild sehen wir Nynne, die Sängerin mit der Stimme einer Lerche. Was Kim erzählt, klingt genauso, wie ich es mit meinen Booten wahrnehme – ich fühle mich ein bisschen zu Hause.

Ich rate allen: Kommt her! Legt hier an, trinkt Bier und Cocktails, esst köstliche Tapas, damit das Unternehmen einen guten Start hat. Es lohnt sich! Natürlich bestellt sich Karsten die Wurstplatte – der Vorrat, den Eckehard mitgebracht hat, ist aufgegessen. Ich erkläre mich solidarisch, bestehe auf einem Foto, bevor wir uns über die Köstlichkeiten hermachen, und kann das Essen uneingeschränkt empfehlen.

Der Grund für das frühe Aufstehen, die gewittrige Kaltfront, verspätet sich, und Langeland bleibt weitgehend verschont, spätabends fällt leichter Regen – aber das konnten wir nicht wissen, sondern mussten vom Schlimmsten ausgehen. Vieles spricht dafür, dass späteres Auslaufen einen langen, zähen Tag mit vielen Flautenphasen bedeutet hätte. Also: Wieder alles richtig gemacht! Jetzt müssen wir nur noch rüberhuschen nach Thurø zum Crewwechsel.

Kurze Huschen zum Crewwechsel sind oft unspektakulär, und ich erwarte Ähnliches. Morgens kurz vor acht ist im Hafen fast kein Wind, draußen unstetes Gekräusel. Immerhin machen wie etwas ganz Neues: Die Fockbausbaumer bleiben heute unter Deck, sondern wir kreuzen! Oli setzt das Groß und legt ab. Eckehard hat schon Friedas Vorleine in der Hand, aber Thomas und ich sind schneller – nun liegt Salty am Pfahl, Frieda muss warten. Ich weiß aber, dass Thomas zuerst alle Festmacher und Fender in Ruhe verstaut, bevor er die Zeisinge löst und das Groß setzt. Das ist total vernünftig, er ist vorbildlich darin – aber während er das macht, ziehe ich Paula an der Box, wrigge sie frech an Salty vorbei, setze vorm Wind das Groß und korrigiere den Kurs in Richtung der engen Ausfahrt.

Thurø Rev können wir so gerade nicht anlegen, die Strömung versetzt uns zusätzlich nach Norden. Ich sitze in Lee und steuere nach den Trimmfäden der Fock. Als wir Fyn näher sind als Langeland, haben wir Oli eingeholt und die anderen beiden deutlich distanziert, aber ein Schauer über Taasinge beschert uns zwar keinen Tropfen Regen, aber eine Bö von 4-5 und einen Winddreher auf Südwest. In der Lunke Bugt wird es mit dem Abziehen des Schauers ruhiger, und ich freue mich schon auf gemächliches Anlegen beim Thurø Sejlklub.

Doch daraus wird nichts: Sechser Böen waren zwar erst für den frühen Nachmittag angekündigt, und es ist noch keine elf Uhr, aber sie fegen schon durch den Svendborg Sund. Thurø bietet keine Abdeckung bei Westsüdwest, aber heute sind wir alternativlos festgelegt auf diesen Hafen. Segelbergen ist ein Kampf, dann treibt Paula raumschots auf den letzten Steg zu und wird richtig schnell. Aber ich kenne nicht nur unser Manöver, sondern weiß auch schon, dass unser Lieblingsplatz neben dem Badeponton frei ist. In aller Ruhe klappern wir die Pfahlreihe ab, etwas Ruderlage Richtung Pfähle, und ich stehe am Vorstag und nehme an jedem Pfahl ein bisschen Fahrt raus. Vor Stegmitte ist Paula unter Kontrolle, ich muss sie nur noch dirigieren. Und dann längsseits anlegen. Unterwegs finde ich Zeit, Martha, Gerhard und Inge zuzuwinken – ein schönes, buntes Wiedersehen.

Nur müssen wir erst noch die anderen heil an den Steg bringen. Es ist das gleiche Manöver wie vor einer Woche in Langør, aber bei zwei Windstärken mehr, und diesmal kann ich nicht am Stegkopf aufspringen und das Abbremsen selbst erledigen – der damalige Anschauungsunterricht muss genügen. Salty beordere ich zu Paula ins Päckchen, so hat Thomas auch den langen Auslauf – klappt super. Friedas Box ist im ersten Stegdrittel, aber da sind zwei starke Männer an Bord, die fest rechtzeitig die Fahrt rauskriegen. Karsten wäre lieber einen Aufschießer gefahren. Aber ich weiß nicht…der Wind dreht dauernd, und da ist wenig Platz zum Anlaufnehmen. Angie ist aber nicht gerade perfekt in Pfahlmanövern. Sie hat die Vorleine in der Hand. Am Stegkopf rate ich ihr davon ab – so, wie Oli mit bestimmt drei Knoten angerauscht kommt, würde sie es nicht schaffen, das Boot mit der Leine sofort aufzustoppen. Das Problem ist nicht fehlende Kraft, allenfalls mangelt es an Selbstbewusstsein und Routine, sie einzusetzen. Dass Oli irgendwann sicher zum Stehen kommen und an einem Pfahl festgebunden sein wird, steht außer Frage. Nur müssen Karsten und Angie sie jetzt von Hand zurückverhangeln, denn am letzten freien Liegeplatz sind sie weit vorbei. Verhangeln ist nicht ihre Stärke, aber natürlich wird weiterhin nicht der Außenborder benutzt! Sie schaffen es Schritt für Schritt zu Friedas Heck, wo Ernst aufsteigt und die beiden unterstützt. Dank der Sorgeleine in der Box ist das Manöver letztlich gar keine große Sache.

Diese Reise ist vorbei. Es war wirklich eine besonders gelungene Reise, und das aus mehreren Gründen:

- Die Gruppe: Überaus harmonisch und von hoher sozialer Kompetenz und Sinn für Humor, und dazu der richtigen Einstellung zur See, zum Segeln und den eigenen Fähigkeiten. Auf dem Wasser sind wir bei sechs und bei zwei Windstärken dicht zusammengeblieben. Mit allen habe ich gerne Zeit verbracht und nicht nur auf hohem Niveau übers Segeln gesprochen, sondern auch über andere Themen, die uns bewegten – das ist nicht herausragend, so geht es nämlich schon die ganze Saison, aber es ist auch keineswegs selbstverständlich, deshalb muss es erwähnt werden mit entsprechendem Dank an Karsten, Angie, Ernst, Eckehard, Inge und Thomas.

- Wir hatten kein weit entferntes, vorher festgelegtes Ziel, sondern konnten bei der Törnplanung innerhalb eines groben Rahmens ständig aus den Vollen schöpfen. So gelang eine gute Mischung aus weit nach Norden und ein Stück nach Osten, aus offenem Wasser, lieblichen Sunden oder Fjorden, sehenswerten Städten und gemütlichen Inseln – wie es angestrebt ist und meistens auch gelingt. Es ist aber bemerkenswert und ein Novum, dass jeder einzelne Hafen bewusst gewählt war und sich als Highlight entpuppte. Wir hatten ausschließlich kleine und minikleine und vor allem charmante Wohlfühlhäfen, denn wir mussten kein einziges Mal in einem reizlosen Bootsparkplatz oder einer nervigen Kommerzmarina übernachten, weil es entlang der Strecke keine sinnvolle Alternative gab. Manche hatten wir für uns, oft waren wir in der Überzahl, und so gab es kein blödes Gequatsche, das Andere für Seglersmalltalk halten, sondern eine exklusive Tour mit vielen Kontakten zu den locals und Einblicken in das Da und Dort.

- Dabei haben wir in bekanntem Revier bewusst viel Neues erkundet. Zwischen dem Verlassen der Schlei und dem Erreichen des Zielhafens Thurø sind wir zwölf Häfen angelaufen. Vier davon waren auch für mich komplett neu. In zwei weiteren war ich vor über zehn Jahren das letzte Mal. Die restlichen sechs würde ich jede Woche anlaufen, wenn ich es könnte, weil ich es dort so schön finde.
In acht waren wir zum ersten Mal als Flottille in Begleitung der Charterboote. Von den Gästen kannte Ernst zwei von ihnen und war nicht böse, sie wiederzusehen – alle anderen bekamen jeden Tag sehenswertestes Neuland geboten.

- Wir konnten jeden Tag segeln. Aber wir sind nie gesegelt, nur weil wir vorankommen mussten – jede Meile war kurzweilig und ein Genuss. Knapp über 300 Seemeilen ist viel für nur zwei Wochen, und dabei waren es meistens eher kurze Schläge um die 20 Meilen, längere nur, wenn es entsprechend gut lief (und das hat uns jeweils an zweckmäßigen Zwischenstopps ohne Charme vorbeigespült).

- Bis auf den letzten Tag war auf der Hauptstrecke immer achterlicher Wind. Immer mal gab es eine kurze Kreuz vom Hafen weg oder zu ihm hin, für Abwechslung war also gesorgt, aber wir sind nicht in die Falle einer ermüdenden ganztätigen Kreuz getappt. Selbst auf dem Weg von Albuen nach Dageløkke kamen die Fockausbaumer zu einem kurzen Einsatz.


- Die Außenborder liefen alle in Kappeln für die Klappbrücke (wir wären mit dem Wind auch ohne durchgekommen, aber es gehört zur guten Seemannschaft, das zügig zu erledigen). Danach haben Frieda und Salty in Maasholm unter Motor angelegt, Oli sich in Tunø von der Pier freigearbeitet. Ansonsten lief kein Außenborder mehr, alles wurde unter Segeln erledigt! Das ist wirklich phantastisch – und noch nie dagewesen!



Sprachlos freue ich mich auf die nächste Reise mit der nächsten tollen Gruppe.




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